Archäologischer Fund

Die Universität Innsbruck zeichnet für die wissenschaftliche Bearbeitung verantwortlich. Das Institut für Mittelalter- und Neuzeitarchäologie unter Univ.-Prof. Dr. Harald Stadler und seinem Team können bereits zahlreiche Ergebnisse vorweisen, wenngleich noch Vieles im Dunkel der Geschichte verborgen ist und einiges davon wohl nie vollständig erklärt und erforscht werden wird.

Der Fundort

Strader Wald, Gemeinde Tarrenz, in der Nähe eines Parallelweges zur Via Claudia Augusta. Der Bestattungsort wird als ungewöhnlich angesehen, da sich dieser weitab von jeglicher Siedlung oder geweihtem Boden befindet. Der Hauptteil des Fundes befand sich in ca. 40 cm Tiefe.

Prof. Stadler betont ausdrücklich die vorbildliche Vorgehensweise der Finder Jochen Reheis, Christian Deutschmann und Franz Neuruer, die nach Auffindung diverser Metallgegenstände und des Schädels umgehend die Universität informierten und den Fundort „in Ruhe“ ließen.

Die Bestattungs- und Fundsituation

Die Tote lag auf dem Bauch mit dem Gesicht nach unten. Der rechte Arm war spitz abgewinkelt, der linke ebenfalls, jedoch unterhalb des Oberkörpers. Auffällig war, dass der linke Oberschenkel fehlte – ansonsten ist das Skelett als vollständig anzusehen.

Bezüglich der Beigaben konnten die Archäologen zwei Fundballungen feststellen:

  • Funde um den Schädel: Eisenschere, Eisen-Messing-Beschlag, zwei Schröpfköpfe, eine große Keramikperle, weitere Perlen aus verschiedenen Materialien wie Bergkristall, Gagat (Pechkohle), Glas und Bundmetall, sowie Kettchengehänge, kleine Hafteln und Ösen aus Silber und eine große Haftel aus Eisen.
  • Funde im Bereich der rechten Hüfte: ein möglicherweise organischer Behälter mit Fingerhut aus Buntmetall, fünf Eisenschlüsseln, zwei Silbermünzen und weiteren noch nicht näher definierten Objekten.

Verschiedene Bestandteile einer Kette (z.B. Fayence-, Gagat- und Kupferperlen) waren vom Schädel bis in den Beckenbereich verteilt.

Pathologien und mögliche Todesursache

Die knapp 160 cm große, grazile Frau war zwischen 30 und 40 Jahre alt und litt an einer Knochenhautentzündung des linken Schienbeines und krankhaften Veränderungen an der Wirbelsäule (Osteophyten). Außerdem stellte der zuständige Anthropologe Dr. George McGlynn fest, dass einige Zähne von Karies befallen waren und mehrere Abszesse den Kiefer befallen hatten.

Als Todesursachen kommen letztendlich mehrere Möglichkeiten in Betracht:

  • Blutvergiftung (Sepsis)
  • Pest oder Fleckfieber
  • Suizid
  • Mord (z.B. Erwürgen oder Vergiften), jedoch sind keine Spuren von Gewalt gefunden worden.

Die gefundenen Habseligkeiten (Beigaben)

  • Sechs Schröpfköpfe aus Buntmetall
  • Amulettkette (Fraisenkette) aus zahlreichen Einzelteilen bestehend
  • Rosenkranz
  • Wachsreste (Kerze?)
  • Scharnierschere aus Eisen
  • Feuerschläger aus Eisen
  • Fingerhut
  • Nähnadel samt Behältnis
  • Keramikperlen (dienten möglicherweise als Spinnwirtel)
  • Metallköcher mit Kette aus Eisen (Besteckbehältnis), Messer und Wetzstahl
  • Schlüssel
  • Beutel mit Münzen (u.a. zwei Silbermünzen)
  • Segmentgürtel
  • Haken und Verschlüsse

weitere Funde befinden sich noch in Auswertung

Fehlende Habseligkeiten/Ausrüstung

  • Schuhe
  • Silex und Zunderschwamm
  • Pfanne

Diese war kurioserweise vorhanden, wurde aber bei einer früheren Sondage im Jahr 2003 bereits gefunden und samt linkem Oberschenkelknochen (wurde irrtümlicherweise als Pfannenstiel interpretiert) geborgen und ist derzeit unglücklicherweise nicht auffindbar.

Interpretationsmöglichkeiten

Bei der „Heilerin vom Gurgltal“ können sich mehrere Schicksale verbergen:

  • Eine Marketenderin oder Vagantin aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, die während des Zuges von einem Ort zum anderen starb und neben der Straße verscharrt wurde
  • Eine Fahrende („Zigeunerin“, Jenische, Karrnerin), die als Heidin bestattet wurde
  • Eine einheimische Selbstmörderin, die nicht in geweihter Erde begraben werden durfte (die Bauchlage war eine Bestattungsvariante, die in Bezug auf Selbstmörder überliefert ist)
  • Eine Tötung mit rituellem, abergläubischem oder kriminellen Hintergrund

Aufgrund ihrer Ausstattung ist diese Frau unbestritten im Bereich der Volksmedizin mit magischem Hintergrund anzusiedeln. Generell bewegt sich das Forschungsteam hier auf dem schwierigen Terrain, denn die Übergänge zwischen Medizin und Magie waren nicht nur zu dieser Zeit fließend. Außerdem stellt sich die Frage, ob die Menschen des 17. Jahrhunderts unter „Magie“ das Gleiche verstanden haben wie wir „modernen“ Menschen in der Rückschau auf diese Epoche, in der auch Hexenverfolgungen und der Vampirglaube ihre Blüten trieben.